Hierzu widmete sich Frau Dr. Bokler einleitend der Geschichte Syriens. So erläuterte sie etwa die bis in die Kolonialzeit zurückreichende Praxis des strategischen “Gegeneinander-Ausspielens” verschiedener gesellschaftlicher Gruppen durch autoritäre Machthaber. Syriens postkoloniale Vergangenheit sei vom Ringen um konkurrierende Ordnungsvorstellungen für das kulturell, ethnisch und religiös sehr diverse Land bestimmt gewesen.
Ein besonderes Augenmerk legte Frau Dr. Bokler auf die ideengeschichtliche Entwicklung der islamistischen und dschihadistischen Szene, in welcher der neue syrische Präsident Ahmed al-Scharaa sozialisiert worden sei. Dessen Regierung stehe vor enormen Herausforderungen: Nach dreizehn Jahren Bürgerkrieg, der neben Hunderttausenden Toten auch etwa sieben Millionen Binnenvertriebene und vier Millionen Geflüchtete zur Folge hatte, sehne sich die syrische Bevölkerung nun insbesondere nach Sicherheit und Stabilität.
Anschließend nahm Frau Dr. Bokler eine Einschätzung des neuen Regimes anhand der drei Säulen autokratischer Regime – Legitimation, Repression und Kooptation – vor. Die Herausforderung für die neue Führung unter Ahmed al-Scharaa sei in der aktuellen Konsolidierungsphase nicht allein die grundsätzliche Befriedung und Stabilisierung Syriens, sondern auch der Umgang mit verschiedenen dschihadistischen Milizen und Interessengruppen aus al-Scharaas Machtbasis. Die an dessen Regierung herangetragenen Forderungen seien zudem nicht nur politisch-wirtschaftlicher Natur, sondern würden sich ebenfalls aus Vergeltungsbegehren aus Zeiten des Bürgerkrieges speisen.
Auf den Vortrag folgte ein langer und lebhafter Austausch mit dem Publikum. Thematisiert wurden unter anderem die außenpolitische Selbstdarstellung des neuen syrischen Regimes sowie Fragen nach der richtigen diplomatischen Herangehensweise für westliche Demokratien. Frau Dr. Bokler mahnte an, dass Demokratien das Handeln des neuen Regime aufmerksam und kritisch verfolgen sollten. Das Regime gebe sich zwar derzeit moderat, seine Verwurzelung in Islamismus und Dschihadismus sei aber ungebrochen.
Wir danken PD Dr. Evelyn Bokler und allen Teilnehmenden, die trotz der sommerlichen Temperaturen so zahlreich erschienen sind und welche die Diskussion durch ihre Rückfragen und Beiträge zu einem sehr wertvollen Austausch gemacht haben!
Bericht von Laura Mahnke und Lena Utecht





